Heimweg

Es regnet, ist kalt. Seit Wochen verbreitet die dicke Wolkendecke Weltuntergangsstimmung. In meiner Heimatstadt ist es 13° wärmer und sonnig, denke ich, als ich mich, früher als sonst, auf den Heimweg mache. Ich verkrieche mich in meiner Winterjacke, die ich wieder aus dem Schrank holen musste, und versuche, den Schirm mit dem Wind zu drehen. Dabei ist es sowieso sinnlos - das hinterste Fach des Rucksacks wird immer klitschnass, entweder vom normalen Regen oder von den dicken Tropfen, die vom Regenschirm kullern. Zum Glück habe ich dafür immer eine Plastiktüte mit, in die ich alles im Rucksack stopfen kann bei solchem Wetter.
Wie jeden Tag warte ich minutenlang an einer Ampel und versuche, die Schaltregeln zu entwirren. Eine große, geschwungene Kreuzung. Erst fahren die einen, dann die anderen, dann wieder die ersten, dann noch mal der Gegenverkehr und irgendwann danach hab ich endlich grün.
Ich sehe die S-Bahn ankommen, bin genervt und laufe langsamer, weil ich sie selbst mit flachen Schuhen bei schönem Wetter und ohne schweren Rucksack nicht mehr kriegen könnte. Also warten auf dem Bahnhof. Ich setze mich auf einen kalten, möglichst wenig dreckigen Sitz in der windgeschützten Ecke, stülpe aus Frust die Kapuze über und starre auf den Boden. Aber schon kommen die Raucher. Wo stellen die sich hin? Natürlich in die windgeschützten, trockenen Ecken. Großartig. Ich denke darüber nach, mich in den Wind zu stellen, da zündet sich schon jemand auf der anderen Seite eine Zigarette an. Warum können die sich nicht wenigstens zusammenstellen, so dass man eine Chance hat, nicht in der Zugrichtung des Rauchs zu stehen?
Endlich kommt die nächste Bahn. Fast leer wie immer, aber nur eine Station. Dann steigen viele laute Leute ein. Schon komisch, dass sich stündlich das Bahnklientel ändert. Sonst fahre ich mit anderen Arbeitnehmern, heute sind es viele Schüler und Rentner. Letztere müssen sich trotz der vielen freien Plätze zu mir setzen. Nicht nebeneinander oder gegenüber, nein, sie setzen sich schräg gegenüber, kesseln mich damit ein und zwingen mich, meinen nassen Schirm zwischen die Füße zu klemmen und meinen nassen Rucksack auf den Schoß zu legen. Opa-vor-mir und Oma-neben-mir. Sie sind laut. Zum Glück hab ich meinen iPod laut genug gedreht, um einigermaßen abschalten zu können. Wenn mich jemand ansieht, frage ich mich, ob meine Musik andere Leute stört oder ob die Kopfhörer zu den guten gehören, die alle Töne nur an den weitergeben, der Sie auch hören will. Sagt einem ja aber auch keiner, ob er was hört, was er nicht will. Opa-vor-mir klopft gedankenverloren mit seinem Schirm auf den Boden. Ich spüre die Vibrationen über meine Füße. Das nervt. Ich sage es ihm nicht, bin zu gestresst von all den ungewollten Menschen um mich herum.
Von überall her kommen unangenehme Gerüche. Menschen riechen seltsam muffig, wenn es regnet. Wie mein Hund. Ich drehe mich weiter Richtung Fenster, um dem Geruch und dem Geplapper zu entkommen. Aber es hilft nichts.
Oma-neben-mir schwäbelt einfach zu laut. Es regt sie auf, wenn Politiker sagen: "Aus meiner Sicht..." Das sei nämlich "nichts anderes wie 'ich'!" Sie wiederholt es, mehrfach. Irgendwann reagiert Opa-vor-mir, langsam: "'Sicht', 'aus meiner Sicht' ist schon mehr wie 'ich'." Oma-neben-mir reicht das aber nicht und ich frage mich, warum Politiker keine eigene Meinung haben dürfen. S-ich-t, denke ich.
Eine junge Frau schräg gegenüber von mir hat es wegen Opa-vor-mir und Oma-neben-mir schon längst aufgegeben, ihr Buch zu lesen.
Eine Weile kann ich mich auf meine Musik konzentrieren und die vorbeirauschende Landschaft. Doch dann meldet sich Oma-neben-mir wieder mit einem beherzten: "Ha noi!", und ich frage mich, ob es in Vietnam auch gerade regnet und sich jemand darüber aufregt.
Endlich umsteigen, in die U-Bahn. Vorher warten im Regen neben lauten Rauchern und schräg abgestellten Kinderwagen. Kaum in der Bahn ist es auch schon wieder voll um mich herum. Bei Regen scheinen nicht nur die Haare und Klamotten von Menschen zu riechen. Eine Wolke Mundgeruch kommt mir von irgendwoher entgegen. Zum Glück bin ich bald zu Hause, kann die Tür abschließen und den Regen und die unangenehmen Menschen aussperren. Wann scheint nur endlich mal wieder die Sonne?

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Thanks. Nice article

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