Das Steuersystem

Als ich gestern von Herrn Niebel (FDP) im ZDF-Wahlforum gehört habe, dass man die Kinderfreibeträge erhöhen will, ist mir fast der Kragen geplatzt. Warum wollen alle (?) Politiker an diesem antiquierten Einkommensteuererklärungsmist festhalten? Dies bevorteilt eindeutig die besser gebildeten und damit in der Regel besser verdienenden. Wer kann schon sagen, ohne Hilfe des Steuerberaters, eine Einkommensteuererklärung ohne Probleme in aller Vollständigkeit ausfüllen zu können? Ich kenne keinen! Darüber hinaus frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, dass man am Ende des Jahres wieder Geld heraus bekommt. Es wäre doch grob fahrlässig sein Leben so zu planen, dass es nur mit der Steuerrückzahlung finanzierbar ist. Falls es doch einen guten Grund gibt, so müsste das Finanzamt automatisch die entsprechende Summe rücküberweisen. Außerdem: wer wenig steuern zahlt, kann auch fast nichts zurück bekommen. D.h. es werden auch wieder nur die besser verdienenden bevorzugt. Wundert es noch jemanden, warum es den gut bezahlten Beruf des Steuerberaters gibt?

Ebenso leben wir zwar in einer digitalisierten und damit diskretisierten Gesellschaft, warum aber ist die Lohnsteuer auch in diskrete Progressionsstufen unterteilt? Das heißt übrigens, dass es u.U. Sinn macht weniger zu verdienen, damit man weniger Steuern zahlt und netto am Ende mehr davon hat! So ein Käse! Wenn der feste Steuerfreibetrag ausreichend hoch gewählt ist, wird keiner etwas dagegen haben, auf alles darüber einen relativ hohen Prozentsatz an Steuern zu bezahlen. Entweder alle gleich viel, oder bitte über eine kontinuierliche Kurve. Ich präferiere aber ersteres - so einfach wie möglich muss die Richtlinie sein.
*Update*: Wie in den Kommentaren richtig erwähnt wurde, ist die Kurve bereits stetig. Da hatte mich meine Recherche auf eine falsche Fährte geführt. Ergo lohnt sich mehr verdienen immer!

Welchen Sinn hat eigentlich die Mehrwertsteuer? Ich hätte eher das Gegenteil erwartet: man zahlt steuern, wenn man das Geld nicht in den Umlauf bringt. Außerdem, nur wer sein Geld wirklich zu Hause im Safe oder unterm Kopfkissen lagert, schadet der Gesellschaft. Denn sobald das Geld auf der Bank ist, kann die Bank das Geld in Umlauf bringen. Eine Steuer auf Konsum verteuert aber die Produkte. Vielleicht kann sich der ein oder andere dadurch ein Gerät nicht mehr leisten und spart das Geld. Das ist doch nicht im Sinne des Erfinders? Als Gegenargument höre ich häufig, dass man damit denen, denen es gut geht mehr Geld aus der Tasche zieht, als denen, die fast nichts haben. Das ist prinzipiell richtig, denn Prozente beziehen sich auf den Absolutwert, der bei teuren Produkten natürlich höher ist. Warum erhöht man aber nicht einfach die Lohnsteuer? Damit erreich man die gleiche Wirkung und ermutigt nicht die Leute das Geld unterm Kopfkissen zu lagern und spart zugleich unnötige Bürokratie.

Mindestens genauso verkorkst ist das Steuersystem bei Unternehmen. Ich habe noch von keinem Unternehmen gehört, dass es ernsthaft so viel Steuern zahlt, wie es eigentlich müsste. Denn es gibt immer Tricks: man spendet zum Beispiel der Gemeinde eine Schule oder eine Turnhalle. Schon bekommt man Steuervergünstigungen. Und nicht etwa, dass sich das Unternehmen damit nur einen guten Ruf erkauft, nein, es spart damit sogar Geld. Denn die Gemeinden verlangen weniger Investitionen als ihnen tatsächlich an Steuern (bzw. Bund/Land/Gemeinde zusammen) zustehen würde. Wo ist da der Sinn?

Kommentare

Die diskreten

Die diskreten Progressionsstufen bewirken nicht(!), dass man, wenn man mehr verdient, hinterher weniger Netto hat. Das kann nicht passieren. Wenn du Brutto einen Euro mehr verdienst, zahlst von diesem Euro zwar einen höheren Anteil an Steuern, als für den Euro vorher, aber du wirst nie mehr als einen Euro mehr an Steuern zahlen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Deutschland%29
Der Sinn der Mehrwertsteuer, oder korrekt Umsatzsteuer, besteuert man die Arbeit, die Maschinen leisten, während mit der Einkommenssteuer menschliche Arbeit besteuert. In meinen Augen wäre also die berechtigte Frage, warum nicht mehr Umsatzsteuer, weniger Einommenssteuer? Bzw. Grundeinkommen, aber das ist wieder eine andere Frage..

Die Logik mit der

Die Logik mit der Umsatz-/Mehrwertsteuer verstehe ich nicht. Ein Produkt das rein durch menschliche Arbeit hergestellt ist, beinhaltet genau so eine MwSt. Außerdem trifft sie den Endverbraucher, ohne dass er sie Absetzen kann. Die Unternehmen zahlen ja nur am Überschuss Umsatzsteuer. Dort macht sie aber selbstverständlich Sinn. Wobei ich eine Gewinnsteuer logischer fände, aber das ist ein anderes Thema.
Bzgl. der Einkommenssteuer hast du natürlich recht. Da habe ich meine Schlussfolgerungen auf falschen Tatsachen begründet. Die Progressionskurve ist stetig und nicht, wie ich zunächst annahm, je nach Höhe des Einkommens auf einen festen Steuersatz festgesetzt (z.B. bis 999€ 10% und ab 1000€ 15%, was offensichtlich dazu führen würde, dass man lieber 999€ verdienen wollen würde).

Die Umsatzsteier betrifft

Die Umsatzsteier betrifft nicht den Endverbraucher. Der Enpreis entsteht durch Angebor und Nachfrage. Vom erziehlten Umsatz muss das Unternehem Lohnkosten, Maschinenkosten, Eingekaufte Rohstoffe und einen Gewinn bezahlen. Die Idee mit dem Grundeinkommen aus Umsatzsteuer sieht verkürzt so aus: Der Endpreis bleibt der gleiche, was zusätlich an Umsatzsteuer gezahlt werden muss, fällt auf der anderen Seite bei den Lohnkoste weg (Auch da bestimmt sich dern Nettolohn aus Arbeitsangebot und -nachfrage, nicht der Bruttolohn).
Die Logiklücke ist natürlich vorhanden, auch eine Dienstleistung (nahezu 100% menschliche Arbeit) kostet Umsatzsteuer, aber der Umsatz ist die einzige messbare und damit besteuerbare Größe, die sich nicht direkt an Erwerbsarbeit knüpft, aber die Erstellung von Leistungen besteuert. Eine Gewinnsteuer hat die nachweislichen Nachteile, dass ich diesen künstlich (z.B. über Rückstellungen) auf 0 Rechnen kann und nicht mit der erwirtschafteten Leistung eines Unternehmens korreliert.

Was mir noch zu den

Was mir noch zu den Progressionstufen einfällt: Bei der letzten Bundestagswahl hatte die FDP ein konzept, das genau solch eine nicht stetige, sondern stufige Progressionskurve beinhaltete. Btw, dass das derzeitige Stuersystem kompletter Mist ist, da sind wir uns ja wohl einig.

Ich sehe schon, du bist

Ich sehe schon, du bist tiefer in der Materie drin. Aber wir sind uns einig: das Steuersystem gefällt uns beiden nicht! ;)
Was meinst du eigentlich bzgl. Steuererklärung?

Dass man den Gewinn immer auf Null drücken kann, habe ich mir auch schon überlegt. Ich habe es zwar noch nicht zu Ende gedacht, aber ist das schlimm? Irgendwohin muss das Geld ja trotzdem fließen. Ich überblicke nur gerade nicht, ob es für die Gesellschaft nachteilige Geldwege gäbe.

Ich bin jedenfalls Fan davon, das Steuersystem auf so wenige Steuern wie möglich zu beschränken und damit das System stark zu vereinfachen. Was sowohl dem Einzelnen, der es verstehen will/muss, dient als auch dem Bürokratieabbau. Daher war meine aller erste Überlegung, ob es neben der Lohnsteuer überhaupt eine andere Steuer geben muss. Ein sinniger Einwand eines Kollegen war die z.B. Möglichkeit ökologische Nachhaltigkeit durch Steuern durchzusetzen (im Sinne negativer Subventionen). Unternehmen zu besteuern leuchtete keinem ein.

Du fragst mich hier gerade

Du fragst mich hier gerade nach einem Aufsatz, wie ich das gesamte Steuersystem gestalten würde? Hmm.. ich versuche es mal grob zu umreißen.

Zunächst zur (Einkommens-)Steuererklärung: Sie ist einfach notwendig. Bei der Lohnsteuer ließe sich das noch umgehen, solange der Arbeitnehmer neben seiner Erwerbsarbeit keine weiteren zu versteuernden Einkommen hat. Spätestens bei Selbstständigen, Menschen mit Einkommen aus vermieteten Immobilien, etc. geht es nicht ohne Steuererklärung. Abschreibungsmöglichkeiten sind ebenso selbstverständlich, auch wenn es hier im Status Quo ziemlich viel Überflüssiges gibt und hier viel Potential zur Vereinfachung gibt.
Einkommensteuer: In Zeiten, in denen Vollbeschäftigung (mittels Erwerbsarbeit) jenseits der Realität liegt, es also auf der einen Seite Menschen gibt, die keine Chance auf ein Einkommen haben, auf der anderen Seite Menschen, die es gar nicht nötig haben ein Einkommen zu erwirtschaften (von Haus aus vermögend) halte ich es für unsinnig, die Einkommenssteuer als Haupteinnahmequelle des Staates zu nutzen. Daher halte ich einen relativ niedrigen, einheitlichen Einkommenssteuersatz (Flattax) mit einem hohen Freibetrag (evtl. inkl. einer "negativen Einkommenssteuer", oder einem Grundeinkommen (s.u.)) hier für sinnvoll. Gleichzeitig würde ich aber die Grundlage, was als zu versteuernde Einkommen gilt, deutlich verbreitern um andere, bisher separat erhobene Steuern zu ersetzen (Einkommen aus Kapital- und Sachanlagen, Spekulationsgewinne, etc)
Umsatzsteuer: Da diese indirekte und auf alle Waren und Dienstleistungen erhobene Steuer die sozial gerechteste Steuer ist, sollte diese als Haupteinnahmequelle des Staates dienen und entsprechend erhöht werden. In der EU sind bis zu 5 unterschiedliche Sätze (normal, ermäßigt, stark ermäßigt, mittel, und ein Extrasatz für Dienstleistungen) möglich, mit denen man auch eine (nichtstetige) Progressionskurve bauen kann.
Unternehmenssteuer (Gewinnsteuer): Unsinnig.
Vermögenssteuer: Bin ich mir unschlüssig. Eigentlich ein hervorragendes Instrument für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen (Eigentum (nicht Einkommen) verpflichtet, steht in der Verfassung), aber evtl. mit der Einkommenbesteuerung der Gewinne aus Vermögen und einer hohen Erbschaftssteuer (s.u.) vielleicht überflüssig.
Erbschaftssteuer: Wichtigstes Instrument, Eigentum verpflichtet, in die Realität umzusetzen. Vielleicht könnte man sich das aber auch sparen, wenn die Erbschaft einfach als Einkommen des Erben betrachtet und dem entsprechend einkommensbesteuert wird.
Weitere Steuern: Steuern zur Förederung der Nachhaltigkeit sind sinnvoll, wichtig und noch viel zu wenig genutzt. Statt den Atomausstieg per Gesetz zu beschließen, hätte man auch alle Kosten des Staates für diese Technologie (Atommülltransporte, -zwischen- und -endlagerung, Polizeieinsätze, Ausgaben für Forschung und Entwiklung, in der Vergangenheit gezahlte Subventionen) als Steuer auf die Nutzung nuklearen Brennstoffs erheben können. Wenn man nämlich die Kosten des Staates mit hinzurechnet, ist Nuklearstrom die gegenwärtig teuerste Energieform. Statt diesem merkwürdigen Emissionszertifikatehandel und einer KFZ-Steuer, würde ich Steuern auf den Ausstoß von CO2 erheben. etc. Da ist vieles möglich.
Sozialsysteme: Egal, ob nun bedingungsloses Grundeinkommen, oder an Bedingungen geknüpfte Sozialleistungen, ich würde sie alle aus Steuermitteln finanzieren. Denn Umsatzsteuer zahlen alle, Beiträge zu Sozialversicherungen bloß Erwerbstätige, und damit gerade ein gutes Drittel der Bevölkerung.

Zusammenfassend: Als Haupteinnahmequelle des Staates und zur finanzierung aller Sozialleistungen eine hohe Umsatzsteuer, alle direkten Steuern natürlicher Personen in einer vereinfachten (und niedriegen) Einkommenssteuer zusammenfassen, Unternehmen über Umwelt- und Sondersteuern an den gesellschaftlichen Kosten ihres Tuns beteiligen. Insgesamt möglichst wenige, dafür auf eine breite Basis angelegt Steuern.

Noch ein paar ergänzende

Noch ein paar ergänzende Einfälle:

Statt Kinderfreibeträgen und Kindergeld würde ich Einkommenssteuerfreibeträge und Grenzsteuersätze (sofern man an der Progression festhält) mit der Anzahl der in einem Haushalt lebenden Personen multiplizieren und auf das gemeinsame Einkommen anwenden. Damit wären auch alle Beziehungsformen, egal ob Ehe, homosexuelle Partnerschaft oder sontige denkbare und undenkbare Beziehungskonstellationen steuerrechtlich gleichgestellt und Kinder massiv subventioniert.

Zu nichtstetigen Progressionskurven: Auch wenn Progressionskurven nicht stetig sind, ist die Steuerschuld über Einkommen stetig. Ein Beispiel: Angenommen wir hätten ein stufiges Einkommenssteuermodell, wie es die FDP mal vorgeschlagen hatte (beträge nur zur veranschaulichung, hab die Zahlen von damals jetzt nicht im Kopf): Freibetrag von 9.999€ (alle angaben jährlich) ab 10.000€ 10%, ab 20.000€ 20% etc. Verdienst du 9.999€ zahlst du keine Steuern, verdienst du 10.000€ zahlst du 10ct. Steuern. Verdienst du 19.999€ Zahlst du 1.000€ Steuern, verdienst du 20.000€ zahlst 1.000,20€ Steuern. Mit anderen Worten: Steuerschuld über Einkommen ist das Integral des Steuersatzes über Einkommen.

Ich hatte mir gerade die Mühe

Ich hatte mir gerade die Mühe gemacht ein kleines Bildchen mit Inkscape zu malen, um dann festzustellen, dass an man einen Kommentar gar kein Bild anhängen kann. Doof!
Was ich mit unstetig meine: wenn es ab 20k€ 20% Steuern sind, können diese 20% entweder auf alles über dem Freibetrag angewendet werden oder nur auf alles über 20k€. Im ersten Fall bekommt man das, was ich mit unstetig meine und es wäre dann für das Nettoeinkommen besser nur 19.999€ zu verdienen. Da man es wohl wie im zweiten Fall macht, spielt es dann natürlich auch keine Rolle ob Sprünge im Steuersatz drin sind. Die Steuerschuld ist dann, wie du richtig sagst, immer eine stetige Kurve.

Interessant, dass wir insgesamt sehr ähnliche Ideen haben. Nur das mit der Umsatzsteuer hatte mir bisher nie eingeleuchtet. So langsam dämmert es aber!
Bzgl. Einkommenssteuer: ich glaube meine ursprünglichen Ideen waren noch nicht ausreichend niedergeschrieben. Salopp formuliert, schwebte mir auch vor, alles als Einkommen zu betrachten, was eine Person an zusätzlichem Geld bekommt (also auch nicht nur den Lohn, sondern ALLES). Dieses Modell hätte ich dann auch auf eine Firma übertragen (was dann quasi mit der Umsatzsteuer gleichzusetzen wäre). Den Bedarf für eine Steuererklärung sehe ich dann nämlich nicht mehr. Es liegt sowieso alles auf dem Tisch, was jemand eingenommen hat. Wenn er dabei irgendwo tatsächlich aus irgend einem Grund, der mir gerade nicht einleuchtet, zu viel Steuern bezahlt hat, kann das Finanzamt am Ende des Jahres automatisch eine Rückzahlung veranlassen. Dies setzt natürlich die Kenntnis über den gesamten Geldfluss voraus. Aber hier würde ich den Datenschutz mal hinten anstellen.
So Kleinkram wie Fahrt- oder Bewerbungskosten absetzen zu können, verleitet, meiner Meinung nach, nur zum Missbrauch und nützt nur dem, der weiß, dass man es absetzen kann. Um den "Nachteil" auszugleichen, müssen halt die Steuern entsprechend angepasst werden.

Mit dem "Kleinkram" stimme

Mit dem "Kleinkram" stimme ich mit dir vollständig überein, sowas wie die Pendlerpauschale ist auch großer Mist etc. Dennoch: Das Finanzamt weiß nicht, was ich alles eingenommen habe, kann es gar nicht wissen. Und das muss ich dann am Ende des Jahres erklären, nennt sich dann Steuererklärung. Und wenn ich als selbstständiger Programmierer Arbeite, möchte ich meinen neu gekauften Rechner schon vom zu versteuernden Einkommen abziehen können. Und da liegt dann doch wieder ein deutlicher Unterschied zur Umsatzsteuer.

Einkommenssteuererklärung

Hallo, wollte nur noch ewähnen, dass man mit seiner Unterschrift unter der Erklärung sich dazu bekennt unser *niedliches*Steuersystem bis zum letzten Paragraphen zu kennen und zu verstehen^^. Je einfacher und verständlicher ein neues System wäre. um so besser. Es wäre auf jeden Fall sinnvoll alle gleich zu behandeln. Wenn ein Unternehmer mit seinem Firmenauto in seiner Betrieb damit fährt sind das auch Kosten, das sollte genau so auch für Arbeitnehmer gelten.

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