Von Ämtern, Agenturen und Centern...

Da ich leider direkt nach dem Abi keinen passenden Studiengang gefunden hatte, der keine Praktika als Vorlesitungen gefordert hatte, hatte ich schon früh den ersten Kontakt mit dem Arbeitsamt, um die Zeit bis zum nächsten startenden Semester zu überbrücken und für die hoffentlich später noch existierende Rente aufzuzeichnen.

Zuerst möchte ich hier erwähnen, dass ich die verschiedenen staatlichen Einrichtungen wie Arbeitsagenturen und Jobcenter toll finde. Was würden wir ohne sie tun? Wovon sollten wir leben in den in den meisten Lebensläufen vorkommenden kurzen oder weniger kurzen Zeiten der Arbeitslosigkeit? Ich bin sehr dankbar für die vielen Leistungen. Lediglich über die amtsinternen und -übergreifenden Kommunikationswege, den Antragsdschungel und die Angestelltenmotivation lässt sich streiten.

Zurück zu meiner Vorstudienzeit: Da ein naher Verwandter freiberuflich arbeitet, war ich dank dessen umfassenden Erfahrungsschatzes relativ gut vorbereitet auf das, was vor mir lag - ein Arbeitsamt in einer kleinen Stadt im Nordosten Deutschlands. Ich war früh genug da, denn dreistündiges Anstehen war keine Seltenheit. Langjährig Arbeitslose stehen allerdings nicht mehr so früh auf, morgens hat man also gute Chancen, verhältnismäßig früh wieder aus dem Geäude zu kommen. Erste Eindrücke: typisches Amtsgebäude, langweilig gestrichen, steril (so wie "kahl und ohne persönliche Note", auf keinen Fall zu verwechseln mit "sauber"), kleine Fenster, manchmal traf man tatsächlich auf eine möglicherweise noch lebende Pflanze. Nicht zu übersehen war aber die Schlange, an deren Ende ich mich positionieren durfte. Ältere, meist schlanke Herren, die an Lagerarbeiter und LKW-Fahrer erinnerten, standen neben zahlreichen Jugendlichen, die sich mehr oder weniger der 20 näherten - blondierte Mädchen, Piercings, viele farbige Strähnchen, teilweise einige Haarpartien wegrasiert, Pseudo-Adidas-Jogginganzüge und, am wichtigsten, Plateauschuhe. Die waren übrigens damals schon lange out. Weiterhin zu erkennen waren diese Mädchen an dicken Bäuchen, Kleinkindern an er einen, Kinderwagen an der anderen Hand. Häufig kam der Freund (meist keiner der mindestens fünf verschiedenen Väter der Kinder, dafür mit rasiertem Kopf und Bomberjacke) mit, um sich mit seiner Freundin zu streiten.
Als ich das Anstehen überstanden hatte, folgten die üblichen verwirrenden Anträge, in denen man nach viel zu privaten Dingen gefragt wird. Glücklicherweise war ich so weit vorbereitet auf die sich wiederholenden Anträge, dass ich keine Energie mehr unnötig auf die Beantwortung der Frage verwendete, warum ich das alles immer wieder aufschreiben muss, obwohl meine sämtlichen Daten längst beim Arbeitsamt gespeichert waren.
Einmal monatlich musste ich mich weiterhin arbeitslos melden. Gerade, als ich in diese Situation kam, musste das Amt unbedingt eine neue Regelung einführen, die den Schmarotzern das Leben etwas schwerer machen sollte. Jeder bekam einen Zettel (aus diesem schönen grauen Altpapier), auf dem die monatlichen Bewerbungen eingetragen werden mussten. Das stellte für mich natürlich ein Problem dar, schließlich wartete ich ja eigentlich nur auf meinen Studienbeginn. Mehr als ein Praktikum suchte ich also nicht. Irgendwie habe ich es aer immer geschafft, irgendwas in diese Liste einzutragen.
Nebenbei hatte ich aber auch diverse Termine mit meinem persönlichen Arbeitsvermittler zu absolvieren, in denen er mit mir über meine berufliche Situation sprechen sollte. Mein persönlicher Arbeitsvermittler hatte lange Haare, saß in einem kahlen Raum ohne Pflanzen, an den Wänden hingen lediglich einige Akte X-Poster - daher war er mir etwas sympathischer, wenn es so was bei Arbeitsvermittlern überhaupt gibt. An dem Tag, an dem er meine Bewerbungsstrategien in Frage stellte, konnte ich glücklicherweise sagen, dass ich endlich eine Bestätigigung einer Hochschule hatte.

Nun ist das Studium vorbei und da bin ich wieder arbeitsuchend (oder arbeitssuchend oder Arbeit suchend?), aber Akademikerin. Die Versuche, die (mittlerweile) Arbeitsagentur oder das Jobcenter in meinem Stadtbezirk in dieser schönen Großstadt im Südwesten Deutschlands aufzusuchen, scheiterten leider daran, dass die Arbeitsagentur eine gesonderte Abteilung für Akademiker besitzt, das Jobcenter für unter 25jährige. Also auf quer durch die Stadt.
Zunächst die Arbeitsagentur: Ich war schwer beeindruckt, als ich vor dem großflächig verglasten Gebäude stand. Innen viel Licht, viele Pflanzen, viel Platz, ein Teppich, der zwar keine Schönheitswettbewerbe gewinnen würde, mit dem man aber auch nichts falsch machen kann. Alles in allem eine fast schon freundliche Atmosphäre. Verständlicherweise war ich geschockt. Besonders, da ich die kilometerlange Schlange von nicht ganz stilsicheren Menschen suchte, aber nicht fand. Stattdessen fragte mich eine lächelnde Dame am Empfang, wie sie mir denn helfen könne. Ausweis vorgezeigt, Antrag bekommen - immer noch altpapiergrau - und ab auf einen Stuhl in Wartezone 1. Ganze drei Leute warteten noch. Es gab aber mindestens fünf Bearbeiter. Schnell kam ich dran und habe umfangreiche Informationen von einer netten Mitarbeiterin bekommen, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen, genaue Angaben, was ich nun wie erledigen sollte. Es gab noch ein "Merkblatt". Da es gerade neu gedruckt wird, bekam ich es ausgedruckt auf altpapiergrauem Arbeitsagentur-Papier und getackert. Das "Merkblatt" hat geschätzte 80 Seiten. Ein Termin mit einem persönlichen Arbeitsvermittler steht noch bevor. Diese Termine wären aber nur alle drei Monate. Die Dame war völlig entsetzt, dass ich mich vor dem Studium monatlich melden musste, und meinte, die Bearbeitung würde doch aber schon so lange dauern. Und schon durfte ich wieder gehen.

Anschließend Jobcenter, denn ohne ausreichend bezahlter Arbeit gibt es ja kein Arbeitslosengeld I (ALG I) - und wie ich in meiner Studienzeit von vielen Professoren gelernt habe, habe ich schließlich keine tolle Ausbildung gemacht, sondern "nur Abitur" - habe ich was verpasst? Aber egal, ALG II, ich komme! Oder doch nicht?
Das Jobcenter-Gebäude erinnerte mich etwas an das Arbeitsamt in NO-Deutschland: alt, kahl, dreckig, dunkel, ungemütlich. Na gut, auch das würde ich überleben. Allerdings hatte ich nicht mit dem Stromausfall am vergangenen Tag gerechnet. Aufgrund dessen hatte das Jobcenter geschlossen.
Tage später erneuter Versuch:
Diesmal war alles geöffnet und ich setzte mich ans Ende der Schlange - die Stuhl für Stuhl weiterrückte... ein noch nicht ganz ausgeklügeltes Warteverfahren, wie ich finde, aber man stellt denjenigen nicht in Frage, von dem man Geld haben möchte.
Um mich herum saßen hauptsächlich Jugendliche Mädchen, zum Glück nicht mehr mit Plateauschuhen, aber immer noch mit dicken Bäuchen, Kleinkindern an er einen, Kinderwagen an der anderen Hand, Piercings, bunten Haaren, zum Teil rasiert. Allzu viel hatte sich also gar nicht geändert. Die Probleme der Menschen waren immer noch dieselben (der Raum war so vorteilhaft geschnitten, dass jeder der Anwesenden jeden Fall gut mithören konnte). Die Sachbearbeiterin war dann doch überraschend freundlich, sprach mich aber darauf an, dass meine Kundenummer ja aus dem Osten wäre (wann wird die Generation endlich ausgestorben sein, die immer noch denkt, die Mauer würde stehen?), gab mir einen Stapel Anträge und schickte mich dann allerdings nach oben zu einem weiteren Sachbearbeiter, von dem ich etwas bekommen sollte, mit dem ich wiederum von ihr den begehrten Antrag auf ALG II bekommen sollte. Wieder wagte ich es nicht, den Sinn in Frage zu stellen - Man munkelt, einige Leute, die zu sehr versucht haben, Logik da reinzubringen, seien verrückt geworden wie die Menschen im "Haus, das Verrückte macht" aus "Asterix erobert Rom".
Im obersten Stock am hintersten Ende des Gangs fand ich schließlich den genannten Sachbearbeiter, der mich zunächst forsch aus seinem Raum rauswarf, da ich keinen Termin hatte. Eigentlich wollte ich mich nur ankündigen und war durchaus vorbereitet, etwas zu warten.
Endlich im Zimmer des relativ jungen und irgendwie überdrehten Menschen nahm ich Platz vor dem Schreibtisch, auf dem dutzende aufgeschraubte Kugelschreiber lagen, die der Sachbearbeiter hektisch zu- und wieder aufschraubte, versuchte, zu schreiben, sie wieder wegwarf. Über seinen absurden Job lachend versuchte er, meine Daten in den Computer einzugeben. Dieser wollte aber nicht so richtig. In der Zwischenzeit wurde ich daher nach meinem Abschluss und Fähigkeiten gefragt. Als ich sagte, welchen Abschluss ich erfolgreich vor einigen Wochen bekommen hatte, hat er gelacht und gesagt, ich würde hier niemals einen Job finden in dem Bereich - saß ich nicht gerade noch zwischen 16jährigen ohne Ausbildung, die keine Lust hatten zu arbeiten? Ich nahm es nicht persönlich, dass er lachte, schließlich wollte ich von ihm auch keinen Job. Schließlich wurde mir mitgeteilt, dass ich bei einem zweiwöchigen Bewerbungstraining mitmachen müsse und immer ortsanwesend sein müsse, ansonsten gäbe es kein Geld. Mit den nötigen Zetteln bekam ich wieder unten auch meinen Antrag und endlich durfte ich gehen. Den Antrag abgeben durfte ich erst später.

Während des überraschend guten Bewerbungstrainings fehlte ich einen Tag, um den besagten Antrag abzugeben. Ich hatte Glück, die für meinen Nachnamen zuständige Sachbearbeiterin war sehr freundlich und half mir, den komplizierten Antrag auszufüllen - ich kann verstehen, dass viele das nicht schaffen. Und tatsächlich gab es Geld, dabei hatte ich gehört, unter 25jährige würde kein ALG II bekommen, da sie dan einer gesetzlichen Regelung noch zu Hause wohnen könnten. Allerdings würde es dann keinen Sinn machen, eine U25-Abteilung einzurichten - aber über den Sinn denkt man ja nicht nach.
Andere hatten nicht so viel Glück wie ich und landeten dank des Nachnamens bei einer anderen Sachbearbeiterin, die anscheinend weniger nett war.

Irgendwann erriechte mich ein Brief des überdrehten Sachbearbeiters, dass er mit mir über meine berufliche Situation sprechen wollte - die Floskeln hatten sich also nicht verändert. Irgendwann vormittags um 10. Da ich mittlerweile umgezogen war, kam ein weiterer Brief, dass nun jemand anderes für mich zuständig wäre. Also noch ein Brief von dem Neuen, diesmal ein Termin um 8:30Uhr - Mist.
Aber auch diesen Termin überstand ich, dieser ist nun Anlass dieses Eintrags.
Dunkler Raum, eine Pflanze, die um Sterbehilfe bettelte, dann allerdings dutzende Bilder von Säuglingen wie sonst nur in gynäkologischen Praxen zu finden. Der neue Sachbearbeiter lachte zumindest nicht mehr über mich, hörte sich aber gern reden. Er hatte keine Ahnung von meinem Abschluss, erzählte, vor Bachlelor-Zeit gab es ja keine unter 25jährige mit Hoschulabschluss. Er tippte irgendwas auf "www.arbeitsagentur.de" ein, auch wenn "dort die Jobsuche nicht so komfortabel ist wie auf www.meinestadt.de, aber trotzdem gibt es da mehr Angebote, weil andere keine Angebote von www.arbeitsagentur.de übernehmen würfen." Wie immer wurden Fähigkeiten angekreuzt, die kaum etwas aussagen und nie so richtig passen, aber wen interessiert das schon. Dann sollte ich zustimmen, dass meine Daten anonym veröffentlicht werden. Wenn Firmen nämlich qualifizierte Mitarbeiter suchen, kommt es scheinbar relativ häufig vor, dass diese selbst auf "www.arbeitsagentur.de nachsehen, auch wenn www.meinestadt.de komfotabler ist." An sich ist das eine durchaus gute Idee. Ich war jedoch skeptisch. Meine Erfahrungen mit der Arbeitsagentur-Seite (wenn der Typ noch mal "www.arbeitsgaentur.de" sagt, erwürge ich ihn) sahen bisher so aus, dass ich nach langer Eingabe merkwürdiger Informationen ungefähr fünf Jobangebote anklicken konnte. Danach erschien immer nur noch die Meldung, dass der Techniker schon über das Problem informiert wäre - welches Problem? vermutlich funktioniert irgendwas nicht. Auch die bisher angesehenen fünf angebote zeigten nur noch diese Meldung. Nächster Tag, gleiches Problem usw. Bis heute hat sich nicht viel geändert. Aufgrund dessen war ich mir nicht sicher, wie ernst ich diese "anonyme Veröffentlichung" meiner Daten nehmen sollte. Auch der Sachbearbeiter konnte mir keine brauchbare Erklärung liefern, also lehnte ich ab. Noch weitere vier Mal wurde ich darauf hingewiesen, dass ich meine Daten doch veröffentlichen solle, denn Firmen suchen auch auf www.arbeitsagentur.de usw. - Irgendwann hörte ich gar nicht mehr genau hin.
Highlight des Termins war das Ausdrucken meiner Zugangsdaten für www.arbeitsagentur.de. Ich bekam einen Benutzernamen, auf den jeder Idiot kommen würde - vermutlich komme ich auch auf viele andere Profile - und ein Passwort. Damit ich meine Daten vervollständigen und doch am besten auch veröffentlich kann, denn Firmen suchen... Der Drucker druckte meine Daten aber zweimal aus. Der Sachbearbeiter tackerte auch den zweiten Satz Benutzernamen und Passwort zusammen, wunderte sich und warf es dann in den Papierkorb! Zusammengetackert!! Nicht zerrissen!!! Nicht mal gefaltet!!!! Das beantwortete meine Frage zur Anonymität dann vollends und endlich durfte ich gehen.

Ich kann nur hoffen, so schnell wie möglich einen Job zu kriegen, um das alles nicht mehr mitmachen zu müssen. Vermutlich ist den Mitarbeitern der Ämter, Agenturen und Center sogar bewusst, dass ihre Anträge und Kommunikationsstrukturen fragwürdig, sinnlos und unlogisch redundant sind. Manchmal glaube ich, das ist ledglich eine Taktik, die die Menschen zum Arbeiten bewegen soll, um dem Antragsdschungel zu entkommen...

Kommentare

Dieser Text ist zu lang für meine Vorlesung ;)

Arbeit suchend nach neuer Rechtschreibung. Nach alter vermutlich arbeitsuchend. Aber den Rest muss ich nachher lesen, die Vorlesung ist bald zu Ende. Die Zeit reicht nicht mehr. Aber die Beschreibung der Arbeit suchenden im Arbeitsamt im Nordosten Deuschlands ist großartig!

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